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Andreas Germann
Ich wusste es doch vorher! Und
trotzdem war ich mehr als erstaunt, die den wenigsten Erwachsenen
offensichtliche Wahrheit so einfach und doch anrührend erneut geschenkt zu
bekommen.
Ich las Gedichte, und meine neben
mir am Tisch sitzende Tochter, Katharina, verputzte soeben die letzten,
frisch vereinsamten Brösel ihres allabendlichen Brotes. Sie fragte: „Was
liest Du da, Papa?“ Die einfache Antwort auf die ebenso einfache Frage
lautete „Gedichte“. Natürlich war dieses eine, wenn auch absolut zutreffende
Wort alles andere als dazu geeignet, der immensen Neugier eines fünfjährigen
Kindes nur ansatzweise zu genügen. Es kam, was kommen musste: „Liest Du mir
das vor?“ Und so fügte ich mich nicht ungern in mein Schicksal und suchte
ein paar der weniger dunklen und vehementen Wortkompositionen aus, die vor
mir lagen. Es soll nicht gleich die Luft in Drohung und Vergehen knistern,
wenn man einem Kind Gedichte vorträgt. Die schwarzromantische Ästhetik
mancher Texte verschließt sich letztlich sogar den meisten lebenserfahrenen
Lesern und Zuhörern, obschon sie bereits in der Lage sein sollten, ihr Herz
einem fiktiven Grauen zu entziehen, um selbiges - vom Voyeurismus mittels
literarischer Anonymität befreit - in seiner Struktur und seinem tiefen,
bassgefüllten Grollen genießen zu können.
So lauschte sie, frei von solcherlei
Überlegung, aufmerksam und unbeschwert dem metrisch-klanglichen Reigen, den
ich in den Worten der fremden Federn aber auch denen der eigenen nach
Kräften für sie entfaltete. „Das ist schön!“ sagte sie, nachdem ich geendet
hatte. Ich vermutete, dass diese Wertung lediglich dem Wunsch entsprang, mir
etwas Gutes zu tun. Gleichermaßen als Belohnung für meine sprachliche Mühe.
Und so fragte ich, um mich dessen zu vergewissern: „Hast Du denn verstanden,
worum es ging?“ Die Antwort war die erwartete. Und doch auch wieder nicht.
„Nein! Aber es klingt gut.“
So fühlte ich mich einmal mehr von
dem Druck befreit, ein Gedicht unbedingt verstehen und interpretieren zu
müssen. Und wo es mir heute misslingt dem Inhalt zu folgen, dort darf ich
doch weiter in Wohlklang und Lautschmeichelei schwelgen und im Vollbesitz
meines geistigen Unverstandes anmerken:
Dieses Gedicht ist schön! |
Bibliographie
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